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Lothar Lambert

 

Now or Never – A New York Experience

1979, 16 mm, s/w, 75 Min.

Regie, Buch, Kamera, Ton, Schnitt, Produktion: Lothar Lambert, bei den Dreharbeiten unterstützt durch Uwe Sange, Produktionskosten: 10.000 DM

Darsteller: Lothar Lambert, Sylvia Heidemann, Dagmar Beiersdorf, Tally Brown, Pat Evans, Exuma, Rufus Harper, Ronald Perry, Erskine Philip, Maryse Richter, Uwe Sange u.a.

Der Erinnerung an Sylvia Heidemann gewidmet

  

Kurzinhalt 

Eine depressive ältere Frau bringt sich um und vermacht ihrem Neffen den Flugschein für ihre geplante New-York-Reise. Der junge Mann, ein beruflich wie privat frustrierter Pädagoge, läßt sich durch die US-Metropole treiben, sammelt Eindrücke, knüpft vielfältige Kontakte und findet auf diesem Wege zu sich selbst oder zumindest zu neuer Ausgeglichenheit.

 

Inhalt (ENTHÄLT SPOILER)

Der Titel des Films ist mit Kreide aufs Straßenpflaster geschrieben, über das die Kamera schwenkt. Die Angaben zu Stab und Darstellern werden aus dem Off verlesen. Zu dramatischer Musik schlendert ein junger Mann, er wird sich später als Uwe entpuppen, durch einen herbstlichen Park und flirtet mit einer jungen Frau. [weiter]

 

Lothar Lambert erinnert sich (2009)

Sylvia Heidemann war von den Nazis ins KZ Theresienstadt verschleppt worden und hatte danach nie wieder eine Wohnung gehabt – um schnell weg zu können, wenn es in Deutschland „wieder losgehen“ sollte. Sie lebte in einem Hotel am Kurfürstendamm, ist den ganzen Tag über die Straße gestrichen, hat in den Aufenthaltsräumen anderer Hotels ferngesehen. Spätabends oder nachts huschte sie oft noch in eines der vielen Kinos, die es damals am Ku’damm gab, nur einen Pelz über ihr Nachthemd geworfen. Zu der Zeit, als ich „Now or Never“ plante, war sie total depressiv geworden: Ihr letzter Liebhaber, ein Pole auf Saisonarbeit, war im selben Hotel am Lehniner Platz einquartiert gewesen, aber zu seiner Frau zurückgekehrt. Sie hatte eine Totaloperation, konnte seither an dieser Riesenschmuckvase am Ku’damm Ecke Grolmanstraße nicht mehr vorbeigehen, wegen der Assoziation Vase gleich Vagina – ich hab das nachher in „Verdammt in alle Eitelkeit“ verwendet. Die Reise nach New York sollte sie wieder aufbauen. Die Tickets waren gekauft, dann hat sie sich überraschend umgebracht, in letzter Minute, vielleicht auch aus Angst vor der Reise. Das Hotelzimmer, in dem man sie im Film sieht, bewohnte sie wirklich. Ob man sie auch so gefunden hat wie in „Now or Never“ geschildert, weiß ich nicht mehr. Wir haben aufgenommen, wie der Sarg abtransportiert wird, und ihren Tod als Vorgeschichte der Handlung eingebaut. Wir hatten ja schon in Berlin gedreht, in der Story sollte sie auch traurig sein. Sie war eine sehr interessante Frau, auch im Privaten theatralisch, aber zugleich herzlich. Nach ihrem Tod kamen ihre Verwandten aus Paris angereist und haben sich Dagmar Beiersdorfs „Puppe kaputt“ angeschaut, der gerade in der Filmbühne am Steinplatz lief, in dem Sylvia Heidemann auch mitspielte, und haben gesehen, daß wir sie nicht ausgebeutet haben, sondern daß sie sich ihre Jugendträume noch ein bißchen erfüllen konnte.

„Now or Never“ war der erste Film, bei dem ich – hier unterstützt durch Uwe Sange, der mit nach New York gekommen war – die Kamera selbst geführt und mich auch um den Ton gekümmert habe. Letzteres nachträglich, weil das die laut ratternde Beaulieu-Kamera erforderte. In New York habe ich gefilmt, was mir vor die Linse kam. Die Leute, die kleine Rollen übernommen haben, hatte ich auch erst dort kennengelernt, einschließlich des schwarzen Herrn, der den Gastgeber spielt. Die Transen, die da auf den Strich gingen, waren echt, ebenso wie das Mädchen, das modelt. Der Film ist semidokumentarisch. Anders als die von mir gespielte Figur habe ich in New York aber keine Krise bekommen und bin auch nicht verändert zurückgekehrt. Damals war meine Abneigung gegen Reisen noch nicht so groß wie später, auch nicht meine Flugangst. Zum letzten Mal geflogen bin ich dann 1986 nach Jordanien, für die Dreharbeiten zu „Gestatten, Bestatter!“.

„Now or Never“ war außerdem der erste Film, in dem ich im Fummel auftrat – von Amateuraufnahmen aus meiner Kindheit und Jugend abgesehen. Das war vielleicht eine Neigung, die ich vor der Kamera ausgelebt habe, weil das dort möglich war, ohne gesellschaftlich anzuecken. Meine letzte große Rolle im Fummel war in „In Haßliebe Lola“, und da war es mir dann doch sehr lästig, diese Schminkerei, die hochhackigen Schuhe – doch Dagmar behauptete, ich würde aufblühen, wenn ich die Sachen anhabe. Aber das ist vielleicht normal, daß man sich in einem Kostüm, in einer Rolle anders benimmt.

Anläßlich der Erstaufführung von „Now or Never“ gab es die erste kleine Lambert-Werkschau, betitelt „Geschichten aus dem Häusermeer“. Und es wurde mit dem Film das Kino Kid im Kant eröffnet, mit seinen fünfzehn Plätzen. Die Malerarbeiten waren gerade erst beendet, und die Kritiken von allen, die in dieser Premierenvorstellung gesessen hatten, waren so überwältigend, daß ich das Gefühl habe, die hatten diese Lösungsmittel aus den Wandfarben eingeatmet. Die Kritiker sind in diesem kleinen Vorführraum mit dem Film auf den Trip gegangen.

 

Kritische Anmerkungen

In Lothar Lamberts Filmschaffen stellt „Now or Never“ eine Ausnahme dar: Der erste größtenteils dokumentarische Streifen, eigentlich eine impressionistische Reisereportage (und damit inzwischen ein interessantes New-York-Dokument), welcher durch eine Spielhandlung ein kleiner Rahmen und ein vager roter Faden gegeben wurde. Der einzige Film des erklärten Reisenhassers Lambert, der nicht zum größten Teil in Berlin gedreht wurde (in ähnlich großem Umfang „auswärts“ spielt nur „Fräulein Berlin“, wo die Hauptfigur ebenfalls durch eine Amerika-Reise zu neuer Kraft findet). Und das einzige eher dokumentarische Werk, welches keinen Bezug zum Milieu des Filmemachens besitzt – der Protagonist von „Now or Never“ zieht durch New York mit einem Photoapparat, nicht mit einer Schmalfilmkamera.  

Ganz typisch für Lambert ist jedoch, wie er sich zu diesem Streifen von der Persönlichkeit und den Problemen der (in diesem Falle nur vorgesehenen) Hauptdarstellerin inspirieren ließ, wie er in die Handlung einbaute, was während der Dreharbeiten geschah, so unerwartet und in jeder Hinsicht niederschmetternd es auch sein mochte – hier den Suizid von Sylvia Heidemann. Wo andere das Projekt womöglich aufgegeben hätten, variierte Lambert lediglich etwas die Geschichte. Und integrierte bereits mit Sylvia Heidemann gedrehte Szenen und von ihr hinterlassene Tonaufnahmen.

Natürlich geht es wieder einmal um psychische Nöte und deren Bewältigung, ein wenig auch um Selbstfindung. Ein vertrautes Element ist der mißglückte Sexualakt – welcher hier freilich in einem sehr frühen Stadium abgeblockt wird: Erst wehrt der frustrierte Protagonist den Annäherungsversuch seiner neben ihm auf dem Sofa sitzenden Freundin ab, dann – als er sein Verhalten womöglich bereut – sie seinen. Ferner gibt es wieder eine Szene, in welcher die Hauptfigur vor einem Spiegel steht; ausnahmsweise ist es hier kein richtiger Tanz, eher ein prüfendes Posieren, unmittelbar bevor die erste Reiseszene folgt. Neu ist schließlich in „Now or Never“, daß Lambert in Frauenkleidern auftritt, was er von hier an bis „In Haßliebe Lola“ mehrmals tun wird, auch in Filmen Dagmar Beiersdorfs und wie hier bereits wenig glamourös und divenhaft, eher eine „Trümmertunte“. Das in diesem Verkleiden enthaltene Spiel mit Geschlechterrollen – erstmals in „Faux Pas de deux“ vorgeführt – erscheint in Lamberts Filmschaffen immer wieder als Beleg eines bereits erfreulich weit vorangeschrittenen Prozesses der Selbstfindung und/oder der erfolgreichen Neudefinition einer Beziehung, wenn nicht gar als einer solchen Entwicklung krönender Abschluß.

J.G.