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Ingolf Gorges, Albert Heins, Ulrike S.

 

Der sexte Sinn

1984, 35 mm (1:1,33), Farbe, 85 Min.

Regie, Buch: Dagmar Beiersdorf, Lothar Lambert. Kamera: Hans-Günther Bücking, Jürgen Podzkiewitz. Ton: Slavko Hitrov, Klaus Klingler. Schnitt: Verena Neumann, Lothar Lambert, Doreen Heins. Licht: Wolfgang Rühl, Wolfgang Kluge. Maske: Roswitha Tischler. Regieassistenz: Marianne Czulius. Script: Doreen Heins. Musik: Albert Kittler, Martine Felton. Produktionsleitung: Helga Stegmann, Wolfgang Krenz. Produktion: Horizont-Filmproduktion in Coproduktion mit dem Norddeutschen Rundfunk (Redaktion: Eberhard Scharfenberg).

Darsteller: Albert Heins, Ingolf Gorges, Ulrike S., Ela Behrends, Jutta Klöppel, Barbara Morawiecz, Mustafa Iskandarani, Susanne Stahl, Dorothea Moritz, Maria Seitz, Dennis Buczma, Imke Barnstedt, Erika Rabau, Marion Herschel, Renate Wannags.

  

Kurzinhalt

Zwei längst erwachsene Brüder leben mit ihrer dominanten Mutter und einer entfernten Cousine, welche den Haushalt führt, in einer großen Berliner Villa. Nach dem plötzlichen Tod der alten Dame versucht der verklemmte der beiden Männer, eine Beziehung zu einer depressiven alleinerziehenden Mutter aufzubauen. Sein Bruder, ein leichtlebiger Frauenheld, möchte das schwierige Verhältnis des problembeladenen Paares überwachen, wozu er sich als Frau verkleidet und als Schwester seines Bruders ausgibt.

 

Inhalt (ENTHÄLT SPOILER)

Detailaufnahmen eines nicht mehr ganz jungen, aber athletischen Mannes beim Krafttraining. Dazwischengeschnitten der Vorspann. Der nur mit einem roten Slip bekleidete Mann steht eine Hantel stemmend vor dem Spiegel. Eine Frauenstimme ruft mehrmals: „Alfred!“ Der Mann schließt genervt die Augen und lehnt den Kopf gegen den Spiegel. [weiter]

 

Lothar Lambert erinnert sich (2009)

„Der sexte Sinn“ war mehr eine Auftragsarbeit. Nachdem „Paso doble“ so gut angekommen war, das Prädikat „Besonders wertvoll“ erhalten hatte und so weiter, hat uns Albert Heins gedrängt, noch mal etwas in dieser Richtung zu schreiben. So haben Dagmar und ich uns mehr oder weniger lustvoll hingesetzt und diesen Aufguß produziert. Der hat dann im Kino überhaupt keinen Erfolg gehabt, und bei den Kritikern schon gar nicht, weil es hieß: Jetzt machen Beiersdorf und Lambert Konfektionsware! Aber von allen meinen Filmen ist dieser am häufigsten im Fernsehen gezeigt worden. Für Fernsehverhältnisse war es mit 600.000 Mark fast noch eine Low-Budget-Produktion. Dagmar und ich haben dabei auch nicht viel verdient.

Es war unsere erste offizielle gleichberechtigte Zusammenarbeit – und die einzige. Wir fanden das beide nicht so ideal. Wenn es Dagmars Film ist, höre ich auf sie, und wenn es meiner ist, muß sie auf mich hören. Als meine Regieassistentin oder Darstellerin war sie toll. Aber beim „Sexten Sinn“, wo es keine klaren Machtverhältnisse gab, hat sie eine Dominanz entwickelt, die mich gelähmt hat. Ich hab dann teilweise mit einer Zeitung in der Ecke gesessen und sie machen lassen. Und bloß bei Szenen, die mir Spaß gemacht haben – wie bei dem Strip der einen Darstellerin auf dem Tisch –, hab ich das Kommando übernommen. Wir haben anschließend von Eberhard Scharfenberg noch das Angebot bekommen, einen Zweiteiler zu schreiben und zu inszenieren, so ein Abenteuerdrama, das in Argentinien oder Brasilien spielte. Da haben wir abgesagt, weil das nicht unser Ding war.

Dabei wollte Dagmar immer, daß in den Filmen eine Reise vorkommt, damit wir im sonnigen Süden drehen konnten. Wir sind für „Der sexte Sinn“ dann ja auch tatsächlich nach Italien gefahren, mit einem klapprigen Bus – Billigflieger gab es damals noch nicht –, und haben dort im Ferienhaus von Günter Meisner gewohnt. Der war ein Bekannter von Albert Heins, ein guter Schauspieler, der später auch in „Gestatten, Bestatter!“ eine Rolle hatte. Sein Ferienhaus war aber nicht so toll, wir haben da gefroren, und ein Großteil der Crew ist schließlich unter Protest ausgezogen, in ein Hotel, was die Produktionsfirma zähneknirschend zahlen mußte. In Berlin drehten wir in einer Villa am Wannsee.

Die Produktion und wer da noch alles etwas zu sagen hatte, wollten Ulrike S. absolut nicht für die weibliche Hauptrolle. Ich habe sie mit aller Gewalt durchgesetzt. Weil sie immer bei mir gespielt hatte, und nun, da es etwas zu verdienen gab, wollte ich unbedingt, daß sie das bekommt und nicht irgendeine Fremde. Für die Rolle des lebenslustigen Bruders, der sich zeitweise als Frau ausgibt, war Mathieu Carrière im Gespräch. Der hätte das auch gemacht, aber das ist am Geld gescheitert. Dagmar und ich hatten Udo Lindenberg für diese Rolle vorgeschlagen. So ist dieses Polaroidphoto entstanden, das in „Blond bis aufs Blut“ gezeigt wird: Wir hatten ihn im Hotel Hilton – dem heutigen Intercontinental – getroffen, er hat sich probeweise verkleidet. Er wollte die Rolle auch übernehmen, aber sein Management war dagegen, aus Sorge um sein Image. Nachdem er in Adolf Winkelmanns „Super“ gespielt hatte, haben sie vielleicht gedacht, sie könnten ihm eine Filmkarriere aufbauen. Vielleicht meinten sie auch, Dagmar und ich haben bisher Underground gemacht, wenn Lindenberg bei uns spielt, sähe das nicht nach einem Karrierefortschritt für ihn aus. Von der Idee, den Part selbst zu übernehmen, habe ich mich durch Dagmar abbringen lassen. Sie meinte, ich sei zu schwul für diese Rolle. Ich hätte den Bruder ja nicht nur als angebliche Schwester, sondern auch als Frauenhelden spielen müssen. Zum Ausgleich hab ich dann „Drama in Blond“ gemacht. Und zur Erholung.

 

Kritische Anmerkungen

Man kann darüber sinnieren, wie weit dies ein Lothar-Lambert- und wie weit ein Dagmar-Beiersdorf-Film ist: Für letzteres spricht die Form, denn Dagmar Beiersdorfs Arbeiten waren von je her handwerklich „sauberer“, konventioneller, um nicht zu sagen: glatter als jene Lamberts. Andererseits handelt es sich hier um dessen bis dahin teuersten Film (der freilich immer noch ein vergleichsweise niedriges Budget hatte), und sein allerteuerster, der gleichfalls TV-finanzierte „Gestatten, Bestatter“, zeigt sich ebenso ganz und gar und fernsehtauglich – zumindest, was die Gestaltung von Bild und Ton angeht.

Denn inhaltlich finden sich in „Der sexte Sinn“ zahlreiche typische Elemente des Lambertschen Kinos: Schon die Vorspannsequenz zeigt eine der Hauptfiguren, wie sie vor einem Spiegel trainiert und posiert. Es ist ein verklemmter, nicht mehr ganz junger Mann mit starker Bindung an seine sehr dominante Mutter. Doch auch andere Charaktere des Films sind, nicht zuletzt sexuell, frustriert, und ihre Selbstfindung und emotionale Befreiung geht einher mit der – teils nicht ganz einfachen – Lösung ihrer sexuellen Probleme (wodurch dann auch die von Ulrika S. gespielte weibliche Hauptfigur nicht mehr ihre schlimme Perücke tragen muß). Es gibt selbstironische Verweise auf Lamberts Leben und Arbeit: Der lebenslustigere der beiden Brüder arbeitet als Fernsehkritiker (wie Lambert es lange Zeit getan hat), allerdings als ein recht windiger, der auch schon mal über eine Sendung schreibt, die er gar nicht gesehen hat. Es wird ausgiebig getanzt, weitere Male prüfend in den Spiegel geblickt, über Ausländerfeindlichkeit diskutiert und ein Südländer gezeigt, welcher des Schutzes und der Hilfe bedarf. Und wie in manch anderem Lambert-Film der siebziger und achtziger Jahre taucht Pornographie auf – allerdings nur in Gestalt von „Schmuddelheftchen“, als ein peinlicher, unzulänglicher Notbehelf für sexuell verkümmerte und emotionell unterentwickelte Figuren.

Zeigt sich hier, wie weit sich das allgemeine Verhältnis zu Pornographie seither gewandelt hat, so darf man fragen, ob in „Der sexte Sinn“ mit dem Geschlechtsrollentausch nicht allzu ängstlich umgegangen wird. Wenn sich der Bruder des Muttersöhnchens als dessen Schwester ausgibt, wirkt dies keinen Augenblick lang glaubhaft. Es scheint, als habe man dem Schlüpfen in die Frauenrolle alles Irritierende, gar Frivole austreiben wollen; die Travestie wird entschuldigt, indem man aus ihr einen Klamauk macht, wie in den weniger intelligenten Inszenierungen von „Charlies Tante“. Dabei konnte man dem Publikum 1984 schon etwas mehr zumuten, wie einige Jahre zuvor der Erfolg von „Tootsie“ gezeigt hatte. Und Lambert selbst lotet in seiner „persönlicheren“ Produktion „Drama in Blond“, die fast zeitgleich mit „Der sexte Sinn“ entstand, viel konsequenter und mutiger aus, welches Potential für interessante Figuren und Geschichten in der Travestie steckt. Von der – für damalige Verhältnisse – frechen, fast provokanten Handlung in „Paso doble“, Lamberts erstem Film, der auf ein breiteres Publikum zielte und mit einem relativ großen Budget entstand, ganz zu schweigen.

J.G.